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Aus: Leo Truchlar,

Schwelle. Passage. Verwandlung.


Ein Interpretationsentwurf, 2006.
 
Erwin Einzinger: Klangpfade Textfährten Traumspuren

 
„Klangpfade, „Traumspuren. Oder doch „Traumpfade (à la Bruce Chatwins
The Songlines), „Klangspuren (à la österreichischem Musikfestival?) Und – gleichsam in der Mitte, eingegrenzt, ausgegrenzt, ohne Zeichensetzung – immer „Textfährten? Oder sollte ich nicht ganz andere Begriffe, Wortgerüste, Orientierungshilfen wählen, um mich Erwin Einzingers Roman Aus der Geschichte der Unterhaltungsmusik anzunähern? Wenigstens vorläufig, zumindest hier und jetzt.
   Stellen begriffliche Kategorien, stellen Etiketten und Formeln – in und mit welcher Diktion auch immer – überhaupt gangbare Wege dar, literarische Texte, speziell Einzingers Text zu lesen und diese Lektüre anderen Lesern und Leserinnen zu vermitteln? Termini markieren Endstellen, Definitionen engen ein. Literatur vibriert, tönt, singt. Sie öffnet die Ohren und die Augen, sie übersteigt die Sinne – und den eindeutig verifizierbaren Sinn.
   Wie aber löse ich Textpassagen ein bzw. auf, wie sind Rezeptionshaltungen und Aufmerksamkeitsschwellen in den konkreten Textvollzug zu überführen, wie spiele ich sprachliches Material ein in den Textprozess, in den unabschließbaren Prozess der semantischen Textaufladung und –entladung? Kritisch? Selbstkritisch? Kreativ?
   Gert Jonke hat jedenfalls – ich habe aus seiner Schelte schon zitiert – gegen das rigid nivellierende Beschreibungsvokabular des so genannten Literaturbetriebs polemisiert, insbesondere gegen die selbstherrliche Disziplinierungswut so genannter Literaturpäpste, weil diese die Texte der Literatur bloß zudecken, mithin dem lebendigen Interesse entziehen, wenn sie sie nicht ohnehin auslöschen. Deren Beredsamkeit bringt die Texte zum Schweigen, deren Zurichtungen vereiteln jene Anstößigkeit und jene Subversion, die mit zu den wirksamsten Elementen des Textpotenzials zählen und in der gegenwärtigen wie zukünftigen Rezeption stets aufs Neue Bedeutungszuschreibungen – bis hin zur Einmischung in die alltägliche Lebenspraxis – ermöglichen.
   Handlungspragmatische Gesichtspunkte und Verhaltensweisen will ich mit meiner Einzinger-Lektüre nicht eröffnen, wohl aber Einzingers Roman als Schwellenland bezeichnen, in dem sich der Autor/Erzähler und mit ihm der Leser und die Leserin mühelos von einer Textschwelle zur anderen begeben, ja jede Hemmschwelle transzendieren, mit der und durch die Spaltungen, Trennungen, Disjunktionen und Diskrepanzen, der Dislokation genauso wie der Dismembration das Wort geredet wird. Bei Einzinger geht es auf den ersten Blick nur um das Eine, doch in Wirklichkeit setzt er auf das Ganze. Sein Erzählen gewinnt – wie der Covertext so zutreffend aufweist – „(a)us den abwegigsten Episoden, aus den entlegensten Begebenheiten und den abgedroschensten Mythen das Material für ein pralles Panoptikum vielfältig verschlungener Geschichten, die er zu einem Roman verknüpft, der nirgends endet und überall beginnt. In diesem Sinn rekurriere ich auch auf James Joyce, auf
Finnegans Wake – ein Buch, das den Anfang nur insofern vereitelt, als es den Schluss desavouiert. In diesem Sinn stimme ich aber auch dem nächsten Satz des Covertextes zu: „Und wo man auch landet auf dieser Reise, nach unzähligen Abschweifungen und Schlenkern, immer und überall spielt die Musik.
   Einzingers Buch ist ein Buch, das im Kopf spielt, in der akkuraten Wahrnehmung und peniblen Aufzeichnung von Geschichte, zumal Musikgeschichte, als Geschichten, als Toncollagen und Tonensembles, als Klangkombinationen und Wortgewitter, als Harmonien und Disharmonien – und immer wieder als Vernetzung des einen mit dem anderen, des Belanglosen mit dem Pathetischen, des Heroischen mit dem Banalen. In einer solchen Verflechtung verwandelt sich das eine in das andere, wird das Unscheinbarste zum allgewaltigen Impetus und die dröhnendste Allgegenwart zum minimalen, unbedeutenden Einzelgeräusch.
   Dieser Weltmusik zu lauschen und ihr mit Herz und Hirn zu frönen, bereitet ein unglaubliches Vergnügen, ein Lesevergnügen, das jeder Stimmigkeit zutiefst misstraut und doch aus diesem Misstrauen eine Tonalität entfaltet, die unaufhörlich und unentwegt alle Töne auf den Grundton der MusikSprache zu beziehen sucht.
   Seit Beginn des Nachdenkens des Menschen über sich selbst kommt der Sprache, insbesondere der Musik, die Bedeutung zu, Ausdruck und Grundlage für das Wesen des Menschen als vernunftbegabtes, der Sprache und der Musik mächtiges und durch sie und in ihnen zur Gemeinschaft fähiges Lebewesen – und nach einer ganz spezifischen Auffassung: Abbild Gottes – zu sein. Das Bild des selbstbestimmten, autonomen, verantwortlichen und durch Sprache und Musik antwortenden Wesens prägte das Selbstverständnis des Menschen über Jahrhunderte und speziell in der Neuzeit avancierte die Sprache und die Musik und mit ihnen die (künstlerische) Freiheit überhaupt zu dem Moment, welches den Menschen zum Menschen macht. In den letzten Jahrzehnten meldeten insbesondere Vertreter der Postmoderne und der Neurobiologie allerdings massive Zweifel an der Realität einer so verstandenen Freiheit an. Kann man heute an der Freiheit des Menschen noch festhalten? Oder stehen wir – wie es so griffig heißt – vor einem Paradigmenwechsel unseres Menschenbildes? Sollen oder müssen wir den Reduktionismen unserer Zeit gerade dadurch begegnen, dass wir Wirklichkeiten wie Person, Freiheit und Verantwortung ins Zentrum unseres Daseins stellen? Dass wir mit Einzinger der Fabulierlust, der Imaginationssucht zur Sprache resp. zur Musik verhelfen?
   Einzingers MusikSprache ist wahrnehmungsintensiv, detailreich, in ihrer Weltoffenheit aber nie wirklichkeitsgesättigt. Wie Heinrich Heines Zeilen „In meiner Erinnerung erblühen / Die Bilder, die längst verwittert – (…) (220) verbrieft für mich auch Einzingers Romantext, in welcher Weise Wirklichkeit stets nur modellhaft gestaltet und gelesen werden kann. So leichtfüßig und witzig, lehrreich und unterhaltsam kann man eben nur in der Textwirklichkeit über das Leben lesen, doch all das Erzählte und mitunter Erträumte können wir zu unserer aktuellen Befindlichkeit in Beziehung setzen, und  ganz nebenbei, ganz beiläufig lernen wir Leser und Leserinnen dabei, uns selbst, unsere Beziehungen, unsere Ängste und Sehnsüchte besser zu verstehen.
   Dazu, und nur dazu, eine einzige Kostprobe aus Einzingers überbordendem Angebot – ein Angebot, dessen suggestive Vernetzungen und wiederholende Aufzählungen seiner Schöpfungsgeschichte Rhythmus verleihen. Und Gedächtnis. Inventar als Vergewisserung angesichts von globaler Gefährdung und Erinnerungsverlust. Nennung als Beschwörung und als Rettungsversuch. Aufhebung von Zeit und deren Raster, so dass Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft frei flottieren:
 
An einem föhnigen Frühlingsnachmittag des Jahres 1968, nur wenige Wochen, nachdem amerikanische Soldaten im Dörfchen My Lai in der vietnamesischen Provinz Quang Ngai ein Massaker an dessen wehrlosen Bewohnern verübt hatten, sank in einem österreichischen Krankenhausbett eine Frau nach einer Serie schmerzender und erschöpfender Hustenanfälle in einen unruhigen Schlaf, in dessen Verlauf sie bald mit offenem Mund dalag, während sich zwischen dem Polsterüberzug und ihrem leicht verrutschten Gebiß glitzernde Speichelfäden spannten. Wie fiebrig-rot ihre von feinsten geplatzten Äderchen durchzogenen Wangen waren!
 
Ihr Leben hatte ihr, seitdem sie herangewachsen war, nicht viel Raum gelassen. Und da sie sich wie fast alle rings um sie im Lauf der Jahre daran gewöhnt hatte, dachte sie auch nicht über ihre Lage nach. Nun, da sie alt geworden war, schienen, wenn sie kurz einmal in Gedanken verfiel, diese stets von einem Ring aus verklärten Erinnerungen an früher gesäumt zu sein, und wenn sie dabei manchmal wie verloren vor sich hinblickte und das Gesicht entspannte, wurde ihr sekundenlang etwas, das Jahrzehnte zurückliegen mochte, beinahe wieder gegenwärtig. So leben die Menschen. Sie schaffen und werkeln. Ihre Wege kreuzen sich, sie sind traurig, wundern sich, bisweilen kichert jemand, während sie gerade etwas Wichtiges zu erzählen beginnen, sodaß sie irritiert innehalten. Gäbe ein Blick in den Spiegel in solchen Momenten irgend etwas preis?
 
(…) (428f.)
 
Der Text mit dem ungewöhnlichen Titel und der ungewöhnlichen Genrebezeichnung ist keine Wegbeschreibung zum Paradies – welchen Zuschnitts und welcher Tonlage auch immer –, doch dieses lange und langsame Erzählen ist radikal, dicht und nah an der Schmerzstelle, beschwört es doch das Schöne in seiner Abwesenheit, als Leerstelle, als Capriccio, geschrieben und komponiert auf Messers Schneide.
   Die Lücken, die Leere, die Kälte: all das fängt Erwin Einzinger in seiner raffiniert ungekünstelten Sprache ein. Er knallt die Menschen nicht ab in seinen Geschichten. Aber er trifft uns mit seiner direkten und poetischen Sprache mitten ins Herz. Eines Tages schickten ihm Peter Alexander, Ludwig van Beethoven, Bob Dylan, Einstürzende Neubauten, Jimi Hendrix, Julio Iglesias, John Lennon, Elvis Presley, Freddy Quinn, Sex Pistols, Van Morrison, Neil Young, Frank Zappa und viele mehr eine Melodie und sie hat sein Leben verändert. Mit ihnen ist er und sind wir, um auf Fernando Pessoa anzuspielen, auf vielfältige Weise anders als dieses eine Ich, von dem wir nicht genau wissen, ob es existiert.
   Wortgewaltig lenkt Einzinger unsere Aufmerksamkeit aber auch auf Orte und Opfer abseits westlicher Medienwahrnehmung und immer wieder auf die Kunst, sei`s der Sprache, sei`s der Musik, als Gegenentwurf und Gegenwahrheit. Er nimmt sich kein Blatt vor den Mund. Fragen gegen den Strich zu bürsten und jeder noch so zwingenden Antwort auf den Zahn zu fühlen, das hat Methode bei ihm. Und bei ihm sind Tagträume nicht bloß Fluchtwege, sondern auch Wege – virtuelle Wege – zu einer menschenwürdigeren, gerechteren, erträglicheren Welt. Sie verwirklicht, sagt Max Horkheimer, „die Sehnsucht nach dem ganz Anderen. Diese Träume wollen verändern, indem sie uns entführen in das Reich der Utopien, der Geschichten – und Musikgeschichten. Wie könnten wir ohne Tagträume, ohne die Geschichte der Unterhaltungsmusik, ohne Einzingers Roman etwa die Doppelzüngigkeit und flagrante Rechtsverletzung unserer Politiker, die Unempfindlichkeit und Unverbindlichkeit heutiger Regierungen gegenüber Asien, gegenüber Afrika, gegenüber der so genannten Dritten Welt ertragen?

E r w i n    E i n z i n g e r