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Das wilde Brot


Roman
 
erschienen 1995 im Residenz Verlag
ISBN:  3-7017-0927-0
 
Rezension von Klemens Renolder,
DIE ZEIT: Nr. 42 vom 13. Oktober 1995
 
Hunde, Heilige und alte Nazis
Erwin Einzingers neuer Prosaband
"Das wilde Brot"
 
"Geh doch Kirchenfenster waschen, dann
wird dein Leben wieder bunt!" rät einer dem
Langweiler, der eigentlich "Elektromusiker"
werden will, damit auch er die "heimlichen
Klagelieder der heutigen Männer" singen kann.
Aber es mangelt dem Bengel an Elan zu neuem
Lebensaufbruch, er steht bloß hilflos herum,
verschwindet schon wieder von der Bildfläche,
und irgendwann haut er wohl enttäuscht
und verdrossen seine Stromgitarre in den Bach ...
 
"Das wilde Brot" nennt sich die Komposition
poetischer Bruchstücke und Erzählfragmente,
in der Erwin Einzinger den Leser durch Himmel und Hölle stolpern, Botschaft von asketischen Mönchen und gottergebenen Märtyrern erhalten und über surrealistische Gebetstexte staunen läßt. Der von solch verwildertem Erzählen zerrüttete Text setzt mit einer ebenso schlichten wie fröhlichen Ouvertüre ein: Ein zum Schweigen verpflichteter Kartäusermönch schwadroniert am Wirtshaustisch vor sich hin und gefällt sich gegenüber dem Vertreter einer Versicherung in der Rolle als "faustische Natur". Bereits in seinem Roman "Kopfschmuck für Mansfield" (1985) versuchte Einzinger [..] die kurzen motivisch verklammerten Texte in eine musikalische Großstruktur zu integrieren. Diesmal läßt er jeglichen solistischen Eigensinn zu. Aufgezeichnet werden selbst winzige Störmanöver, wie etwa die Skizzen über jene Musik, die der Autor bei der Arbeit am Manuskript gehört hat. Im zweiten Kapitel "Hunde" gibt es viel Gekläff. "Achtung pflichtgetreuer Hund" schreibt der faschistoide Obsthändler auf das Schild vor seinem Jagdsitz. Die Wanderer in seinem Revier bedroht er mit einer blutrünstigen Dogge. Adolf Hitlers und Sigmund Freuds vierbeinige Lieblinge treten auf. Von stumpfen Hundefanatikern ist die Rede, von den verdreckten Kötern der Penner, vom schwarzen Pudel Mephistos, von Lassie. Ein Tier stolziert gar in Papstverkleidung daher. Und immer wieder: der Hund als Nazisymbol. Aus Rom berichtet der Erzähler im dritten Kapitel von seinen Wegen durch die Stadt, von Fahrten in umliegende Orte. Spaziergänge am Tiber - sie könnten von Botho Strauß geschrieben sein - ein Gespräch mit einer alten Wiener Jüdin, Träume Graffiti und die vielen "Oberflächenübersetzungen" italienischer Gebetstexte - Meisterwerke Surrealistischer Prosa. Immer wieder trifft der römische Chronist auf die Spuren von ranghohen österreichischen SS-Männern, die hier als beamtete Mörder tätig waren oder durch Vermittlung katholischer Institutionen nach Südamerika flüchten konnten. Doch selbst bei diesem Thema vermeidet Einzinger Kommentar und Empörung. Im Gegenteil: Er dokumentiert beinahe heiter jene globale Verwahrlosung, in der Menschen, fern von sozialem Bewußtsein und entrückt von geistigen oder gar religiösen Bestimmungen, in erbärmlichen Visionen Zuflucht suchen. Er ist ein ruhiger Beobachter des Gewöhnlichen, das traurig blüht.

E r w i n    E i n z i n g e r