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Sorgfältig verknäuelt


 
Rezension zu: "Von Dschalalabad nach Bad Schallerbach"
Text: Evelyne Polt-Heinzl  Quelle: www.buchkultur.net
 
Die Literaturkritik beachtet Erwin Einzinger kaum. Ein großer Fehler, wie Evelyne Polt-Heinzl meint und mit seinem neuen Roman belegt.
 
Bei der Leserschaft hat Erwin Einzinger eine wachsende Fangemeinde, die Literaturkritik hingegen bleibt diesem Autor die nötige Aufmerksamkeit oft schuldig; sie fordert gern Welthaltigkeit ein und übersieht dann leicht unorthodoxe Konzepte, die das Globale und das Provinzielle zusammenführen. Einzingers neuer Roman kündigt dieses Programm schon im Titel an: „Von Dschalalabad nach Bad Schallerbach“. Wer geografisch nicht so firm ist, kann die Lektüre mit dem zehnten und letzten Abschnitt des Buches beginnen: Dschalalabad ist die Hauptstadt der Provinz Nangarhar und liegt zwischen Kabul und Peschawar. Hier soll ein ehemals bekanntes Eiskunstlaufpaar ein Informationsbüro für Trekking-Touristen betreiben und hier sehen wir den Erzähler als einen der vielen Reisenden des Buches mit einer Kamel- Karawane durch die Landschaft schaukeln. Bad Schallerbach hingegen liegt in Oberösterreich, scheint über einen Thermalbad-Chor zu verfügen, und eigentlich könnte man tatsächlich vom nicht allzu weit entfernten Timelkam  - anagrammatisch geschüttelt - „mit Kamel“ durch die Hügellandschaft des Hausruckviertels nach Bad Schallerbach reisen. Die so fein zusammenklingenden Ortsnamen des Titels geben nur eine vage Ahnung von der geografischen Ausdehnung aller Reisetätigkeiten der vielen Romanfiguren. Manche verlieren sich rasch wieder, wie der Pilzforscher aus Hokkaido vom Romanauftakt, anderen begegnen wir immer wieder und manchmal begegnen sie auch einander, wie der aus der geistlichen Gemeinschaft im Kloster Admont geflüchtete Brumhumerlehner, der quer durch Österreich ins Norddeutsche hinauf trampt. Er sucht die Spuren Strindbergs im Salzkammergut, lernt die Veterinärärztin aus dem oberösterreichischen Alpenvorland kennen, deren Tochter samt Hund Asfinag in Rumänien unterwegs ist. Späterhin dann tut sich Brumhumerlehner mit der rumänischen Projektkünstlerin zusammen, die in ganz Europa Kloteppiche fotografiert, während seine alte Tante Helli vergleichsweise stationär im Mühlviertel lebt und die vietnamesische Neurologin Thu Huong von Thüringen nach Rostock übersiedelt. Alle diese Figuren und ihre Erlebnisse wirken im Romangeflecht wie lose Fäden, deren Enden bei genauerem Hinsehen zwar locker, aber sorgfältig ineinander verknäuelt sind. Der mit ihnen durch die Länder und Landschaften schweifende Blick ebnet dem Autor die Erzählwege zu den ganz normalen Verhaltensauffälligkeiten der Menschen hier wie dort, ihren Abgründen und Besonderheiten, dem ewig Gleichen und der unglaublichen Fülle von Dingen und Ereignissen. Wir erfahren, wie die Traumindustrie in Transsilvanien Einzug hält, wie im Jahr 1481 der Transport des Michael-Pacher- Altars von Bruneck nach St. Wolfgang vor sich ging, dass es eine Schütteltrauma-Kapelle gibt oder was auf den beiden Bildern über die künstlerische Inspiration von Nicolas Poussin zu sehen ist: Der lyrische Dichter trägt blaue Sandalen, kniet und trinkt verzückt, mit ausgebreiteten Armen aus einer dargereichten goldenen Schale; der epische Dichter aber „ist barfuß, trinkt nicht, sondern schreibt“. Einzinger tut das, „ohne auf die symbolische Tube zu drücken oder die Gegebenheiten möglichst cremig ineinander gleiten zu lassen“. An den Rändern der Episoden, an ihren klaffenden Bruchstellen wird sozusagen das pralle Leben hier wie dort, einst wie jetzt in seiner ganzen wilden (Un-)ordnung sichtbar. Unermüdlich und mit sparsamen Bewegungen stichelt der Autor am Netzgewebe seiner Erzählstricke herum, an denen sich Fallgeschichten und Lebensberichte, die kleinen Alltäglichkeiten und die großen Ereignisse kristallartig anlagern, um sich sogleich wieder zu verflüchtigen, denn seilen sich nicht auch die großen Momente „lautlos ab und versickern in der Schnörkellosigkeit“? Das ist so tröstlich wie traurig, und es ist genau die Tonlage, mit der Einzingers Beobachtungspartikel stets vor jedem Zuviel wie Zuwenig warnen, sei es Hochmut, Selbstüberschätzung, Trauer oder Verzweiflung. Was ist schon das Besondere im Leben wie in der Welt, wo letztlich doch „ein jeder von uns über einem Rätsel brütet, zu dessen Lösung ihm weder junges Glück noch irgend sonst was verhelfen kann“. Üblicherweise, so heißt es an einer Stelle, verfahren „die Herren Erzähler“ wie jemand, „der in einem finsteren Gebäude mit der Taschenlampe herumstreift, wer ist dann wohl zuständig für all das, was weitgehend im Dunkel bleibt, aber deswegen natürlich nicht weniger vorhanden ist?“ Genau davon aber handeln Einzingers Erzählwelten.
 
Fazit: Eine unglaubliche Fülle von Dingen und Ereignissen, erzählerisch locker, aber sorgfältig miteinander verwoben.

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