Aktuelles

Biographie

Bücher

Romane/Prosa

Gedichte

Übersetzungen

Bilder

Kontakt

Presse

Home

Über das Fotografieren von Kloteppichen


 
Rezension zu: "Von Dschalalabad nach Bad Schallerbach"
Text: Sebastian Fasthuber; Quelle: Falter Wien, Ausgabe 31/10; 4.8.2010; Seite 25

 
Indem er sich „Von Dschalalabad nach Bad Schallerbach“ assoziiert, unterhält Erwin Einzinger sich selbst und die Leser. Mein Verleger Jochen Jung sagt immer: Du musst eine Straße bahnen, die man weitergehen will. “Sagt der aus Kirchdorf an der Krems gebürtige Erzähler und Lyriker Erwin Einzinger (Jahrgang 1953). Das nämlich sei „das größte Problem bei meinen Schreibabenteuern: Oft geht der Text den Weg, den man überhaupt nicht erwartet. “Was der Verleger als Rezeptionshürde antizipiert, ist aber auch genau das, was den Reiz von Einzingers erzählerischen Expeditionen ausmacht. Wenn er am Schreibtisch losfährt, hat er weder ein Ziel vor Augen noch Landkarten im Gepäck. Dafür verfügt er über eine seltene Beobachtungsgabe, die mit Vorliebe das Ungewöhnliche, Überraschende, ja oft schlichtweg Bizarre ins Visier nimmt. Viele Anekdoten und Episoden in seinen Büchern wirken wie frei erfunden; meistens sind es jene, die auf wahren Begebenheiten beruhen. Fünf Jahre nach dem monumentalen Popkultur-Brevier „Aus der Geschichte der Unterhaltungsmusik“ legt der Oberösterreicher jetzt mit „Von Dschalalabad nach Bad Schallerbach“ einen neuen, beinahe 500 Seiten starken Schmöker mit einem dichten Gestrüpp aus Figuren und merkwürdigen Begebenheiten vor. Zuallererst wirft dieser Text zwei Fragen auf: Wie soll man das lesen? Und: Worum geht’s eigentlich? Beide sind recht schnell beantwortet. Erstens: Lesen tut man das Buch am besten kreuz und quer und ohne jede Rücksicht auf Chronologie. Zweitens: Eine Handlung gibt es nämlich nicht. Dabei ist das Kontinente umspannende Panorama, das Einzinger vor dem Leser aufspannt, keineswegs ereignislos, ganz im Gegenteil: Ein drogensüchtiger Mönch entflieht aus seinem Stift und wird zum Tramp; ein anderer Geistlicher - einer von zweien in Österreich, die über den Flugschein verfügen - stürzt mit seiner Maschine ab; ein japanischer Pilzforscher schaut sich in der österreichischen Provinz um; eine rumänische Künstlerin hat sich auf das Fotografieren von Kloteppichen spezialisiert. Es kann natürlich passieren, dass man sich in diesem behelfsmäßig als Roman bezeichneten Buch verloren fühlt. Davor darf man sich aber nicht bange machen lassen und soll stattdessen dieses Gefühl pflegen und genießen. Wird es einem bei aller Leicht- und Kunstfertigkeit der Sprache unterwegs doch auch einmal gar zu kauzig, muss man kein schlechtes Gewissen haben und darf ruhig ein paar Absätze überspringen. Bei der Lektüre gewinnt man den Eindruck, dass sich hier jemand in erster Linie selbst gut unterhalten will - was heute schnell als eigenbrötlerisch abgetan wird. Vielleicht besteht hierin jedoch sogar die edelste Form von Literatur, frei und ohne Rücksicht auf Erwartungshaltungen der Leser und des Betriebs verfasst. Außerdem gilt: Unterhält sich Erwin Einzinger gut, trifft dies in der Regel auch auf den Leser zu. Wer eine Lesung des Autors besucht, wird ihn als munter drauflos assoziierenden Entertainer kennenlernen, der seinen Text in freier Rede noch entschieden weiterspinnt. „Von Dschalalbad bis Bad Schallerbach“ muss zwar, wie schon die „Unterhaltungsmusik“, als Buch eine erste und eine letzte Seite haben. In Wahrheit kennt diese Form des Erzählens aber keinen Anfang und kein Ende.„Stellen Sie sich einiges von dem hier nur Angedeuteten insgeheim auch als eine Art von Bumerang vor“, versteckt Einzinger en passant sein poetologisches Programm. „Es kehrt möglicherweise zurück!“ Ein schönes Bild für das Grundübel der heutigen Literaturproduktion hat Einzinger auch noch parat, wenn er vom Autor als Dienstleister spricht. Auf Seite 56 noch fragt er kokett: „Wird es nun nicht langsam Zeit, das Erzählvorhaben ein wenig in Schwung zu bringen (...)?“ Auf Seite 322 heißt es, ungewohnt bestimmt: „Mit der Beflissenheit eines Dienstmanns zu erzählen kommt natürlich erst recht nicht infrage. “Das Gute: Je fader der durchschnittliche Dienstleistungsroman, desto mehr Zulauf erhalten Freaks wie Erwin Einzinger.

E r w i n    E i n z i n g e r

Presse