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Erwin Einzinger: Von Dschalalabad nach Bad Schallerbach
 

Rezension zu: "Von Dschalalabad nach Bad Schallerbach"
Text: Ulrike Matzer, Quelle: www.literaturhaus.at
 
I
m leicht verhatschten Schüttelreim und Zungenbrecherspruch, der den Titel gibt, ist es schon drin, jenes springinkerl- und spadifankerlhafte Hin-Her-Hin, das Erwin Einzingers Schreiben charakterisiert. Zwei in entgegengesetzte Richtung strebende Spitzen von Pfeilchen, in je ein farbig aquarelliertes Kringelgebilde eingeschrieben, was zusammen sich wie ein gesäumter Rorschachklecks über das Buchcover zieht, verbildlichen diese übermütigen Energien. Als signalisierte dieses vom Autor fabrizierte brillen- oder hantelartige Ding nicht bloß, dass eins aufs andere verweise, sondern auch, dass das Buch von vorne zu nehmen sei wie von hinten - was so abwegig nicht ist. Denn viel mehr als dass hier einer "beflissen wie ein Dienstmann" eine Geschichte erzählt, werden Formen und Formeln des Erzählens durchgespielt, wird man vom Hundertsten zum Tausendsten katapultiert, schieben sich Cliffhanger ineinander zu Schachtelgeschichten, wechseln Anekdoten mit Exkursen unterschiedlichster Art, fast wie in Tausendundeinernacht.
 
"Jedes Land hat sein Samarkand und sein Numancia", ist man versucht, dies salopp zu paraphrasieren - wird schließlich auch hier mir nichts, dir nichts eine zentralasiatische Großstadt mit einem europäischen Örtchen zusammengespannt. Anders aber als Peter Handkes im Gleichmaß wogender epischer Gang und Gesang durchs Sagenhafte der "Morawischen Nacht" lässt Einzinger es bisweilen gehörig rumpeln und krachen. Als leicht bizarrer Reiseroman hat das Buch auch etwas von einem Roadmovie an sich, insofern als die Personnagen in ihm - der Brumhumerlehner, August Strindberg, Weißbäuchlein, eine rumänische Projektkünstlerin u.v.a.m. - dem Autor als Vehikel oder Schinakel dienen, "eine fremde, seltsame Welt" zu kartieren, die atmosphärisch gelegentlich an Filme von David Lynch erinnert. Die weißen Flecken der Erde, von denen im Klappentext die Rede ist, erscheinen so gesehen mitunter bunt wie "gescheckte Fetzen", und das ebenso im Klappentext in Stellung gebrachte Fernrohr als ein umgekehrtes, das den Blick auf das Belanglose des Alltags richtet, reicht einem zugleich ein bildkräftiges französisches Verb an die Hand, um das das Deutsche ärmer ist: téléscoper nämlich, das etwas auf etwas auffahren, mit etwas zusammenstoßen lässt, Diverses sich ineinanderschieben, so zwar, dass es ordentlich grammeln kann. An téléscopages du sens, an Kalauern und Katachresen ist dieser Roman nicht arm, Konjuktionen aller Art schrauben alles Mögliche zusammen, Aperçus, Aberwitz und Antiwitz fahren dort und da dazwischen wie Jingles. "Leute, die ihm mit Geschichten kamen" werden vom Autor vor seinen Karren gespannt; mithilfe vermischter Meldungen und Zeitungsenten werden uns Überraschungseier gelegt oder Schnurren serviert, wie die miauender Nonnen, die einander zu beißen begannen.
 
Zugrunde liegt dem Opus mühselig analoges copy & paste, wie schon Einzingers Vorgängerroman "Aus der Geschichte der Unterhaltungsmusik", einem kurzweilig zu lesenden Vademecum der Populärkultur und einer so keck wie virtuos zusammengehäkelten, fantastisch anmutenden Enzyklopädie. Von kinderatlashaftem Charme auch dieses Buch; neben wilden Bildern stößt man immer wieder auf stille Stellen, auf Haiku-artig hingepinselte Stimmungen, die einen einhalten lassen oder inne ("Da liegt ja Mehl auf den Feldern!"), und auf Dialektausdrücke, die einen glucksen machen vor Glück. Denn die Lektüre führt in ferne Weltstädte gerade so wie über die Hügellandschaft ob der Enns, und dementsprechend gehören Maultrommeln ins Inventar, Mostbirnen und mundartliche Wendungen, die oft nur mehr der Großelterngeneration geläufig sind und mit dieser womöglich zu Grabe gehen würden ("Hast dir eppan wehgetan?", "ein wengerl", "wigatzen", "Trittling", "geklupperlt", "Piperl", "Trenzer"). Ausdrücke, die mit Bedacht gesetzt, im jeweiligen Sinngefüge aber durchaus allen im germanophonen Sprachraum verständlich sein müssten. Und wo nicht: "Wen stört's?" - Wohl dichteten und schrieben auch Friedrich Achleitner, Franzobel und Kurt Palm jeweils mit den Spezifika des oberösterreichischen Dialekts; noch beiläufiger und unbekümmerter jedoch jongliert Erwin Einzinger mit diesem Idiom, allen Nivellierungstendenzen in Richtung eines deutschlandtauglichen Deutsch zum Trotz, und nicht von ungefähr erging dafür der H. C.-Artmann-Preis 2010 an ihn.
 
Letzterer wohl auch für den versteckt nistenden Witz, den sein leicht schräger Blick visiert. La vache qui rit, das lachende Rind, gibt denn auch ein wiederkehrendes Motiv: Im Sinn einer mise en abîme ist im Roman von einem "Von Dschlalabad nach Bad Schallerbach" betitelten Roman die Rede, von losen Blättern mit "narrativen Eskapaden" auch, wie es sich für einen Verzettler und Collagisten wohl eher geziemt. Ironie gegenüber sich selbst findet sich dort und da eingesprengt, feiner Spott gegenüber der eigenen Schreib- und früheren Lehrerexistenz. Zumindest in der Erinnerung der Rezensentin, die sich retroaktiv das Ihrige zusammenzimmert, glich Einzingers Deutsch- und Englischunterricht in nuce dem Parforceritt durch dieses Buch: Elastisch federte da einer durch die Klasse, unablässig, kreuz und quer, um nach aufstampfendem Stopp, Spannungspause und Krümmung des Oberkörpers wie mit gespannter Armbrust uns seine "Did you know that ...?"-G'schicht'ln hinzuschleudern - und uns anderswohin damit.

E r w i n    E i n z i n g e r

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