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Auf fliegenden Blättern


 
Rezension zu: "Von Dschalalabad nach Bad Schallerbach"
Text: Samuel Moser; Quelle: Neue Zürcher Zeitung, 11. September 2010

 
Das Anordnen des Ungeordneten –ein neuer Roman und neue Lyrik des Österreichers Erwin Einzinger
 
Der 1955 in Kirchdorf geborene Schriftsteller und Übersetzer Erwin Einzinger ist nicht einer, der sich durch den Literaturbetrieb hetzen lässt. Seine Lyrik- und Erzählbände erscheinen in grossen Abständen. In seinen jüngsten Werken hat er einmal mehr ein Panorama der Welt in Splittern des Banalen geschaffen.
Samuel Moser
 
«Aus der Geschichte der Unterhaltungsmusik» hiess seine letzte Buchveröffentlichung vor fünf Jahren. Nun sind, 2009 und 2010, kurz hintereinander vom Österreicher Erwin Einzinger zwei Bücher verschiedener Gattungen erschienen: «Ein Messer aus Odessa», eine mit über hundert Titeln recht üppige Sammlung von Gedichten, und der ebenfalls umfangreiche, lose gebaute Roman mit dem lyrischen Titel «Von Dschalalabad nach Bad Schallerbach». Wenn einer eine Reise tut, kann er was erzählen. Der Zusammenhang zwischen Reisen und Erzählen ist allerdings im Roman Einzingers alles andere als einfach. Der Klang des Titels legt schon den Verdacht nahe, seine Reise könnte einerseits distanzmässig völlig zusammenschrumpfen, andererseits, in der Gegenrotation des Erzählens, ins Unüberblickbare ausfransen. Als wäre das Erzählen dann erst das Reisen, von dem man aber nie wird erzählen können, weil auch dieses Erzählen wieder und immer wieder ein Reisen sein wird.
 
So lustig wie ermüdend
 
«Von Dschalalabad nach Bad Schallerbach» ist, wie es sich gehört, wenn's ums Reisen geht, ein ebenso lustiges wie ermüdendes Buch. Nie wird einem langweilig, aber dieses «nie» führt in seiner Repetition wiederum zur Eintönigkeit, ganz zwangsläufig und bewusst bei Einzinger. Des Merkwürdigen und Aussergewöhnlichen, von dem berichtet wird, ist so viel, dass man es sich wie das ganz Gewöhnliche gerade nicht merken kann. Das Einzelne ist zwar immer genau determiniert, überdeterminiert gar, aber im Ganzen des Teppichs bleibt es disparat und verschwindet.
Wo anfangen, wo aufhören; was festhalten, was auslassen? Die Figur der Fotografin, die die Kamera täglich zur Hand nimmt und wieder sinken lässt, wird zum Spiegelbild des Autors, der –gleichzeitig hungrig und übersättigt - seiner Rolle nicht mehr gerecht werden kann und will. Im Kapitel «Schreiben und träumen» meldet er sich kokett an - und zugleich ab: «Stellen Sie sich einiges von dem hier nur Angedeuteten insgeheim auch als eine Art von Bumerang vor: Es kehrt möglicherweise zurück! Freilich kann dabei der Eindruck entstehen, etliche der erwähnten Ereignisse neigten dazu, sich geradezu zu überstürzen. Andererseits: Mit der Beflissenheit eines Dienstmanns zu erzählen kommt natürlich erst recht nicht in Frage.»
Zusammenhalt bekommt Einzingers Roman durch eine schwache Chronologie, aber selbst die sorgt kaum für logisch kausale Abfolgen. Spürbar ist Zeit zumeist als Synchronie, in der die Dinge variabel, austauschbar und ubiquitär sind. Auf der Ebene der Darstellung werden Ding und Medium, ob es sich nun um Bilder oder Geschichten handelt, ununterscheidbar. Nur flüchtig zeichnen sich in Einzingers Roman Motive ab, schemenhaft werden skurrile Handlungsträger sichtbar wie Brumhumerlehner, der entlaufene Mönch von Admont (als «Suchtler» bezeichnet), eine Veterinärin, ein «Weissbäuchlein» genanntes Töchterchen oder eine Toilettenteppiche fotografierende rumänische Projektkünstlerin.
 
In der Tradition des Schelmenromans
 
Zum feinen Geflecht (oder Lügengeflecht?) gehören natürlich auch die Orte von Tadschikistan über Rumänien bis Rostock - aber sind es mehr als Namen? Zu Schauplätzen werden sie jedenfalls kaum, weil sie immer auch schon Geschichten sind, die wieder von Orten in Geschichten erzählen. So verrutscht alles, und der poetische Titel löst sich für die, die ihn aufgelöst haben müssen, ganz prosaisch auf: Nach Dschalalabad hat sich eine Eiskunstläuferin zurückgezogen, die in einem Körbchen Erinnerungsstücke aus ihrer Heimat aufbewahrt, darunter ein Foto des «Bad Schallerbacher Thermalbad-Chors». Allerdings, und da endet die Geschichte, oder da beginnt sie erst: Das Foto haben die Marder gefressen.

Erwin Einzingers Roman gehört in die Tradition der Schelmenromane. Auf «fliegenden» Blättern vagabundiert er wie auf einem fliegenden Teppich durch seine Stoffe. Episoden, Anekdoten, «faits divers», Mythen und Legenden fügen sich zu einer unsystematischen Enzyklopädie von Bagatellen –wenn denn nicht gerade dieser Begriff sein Gegenteil bestätigen würde: das Vorhandensein von Wesentlichem. Um dieses zu unterlaufen, bleibt Einzinger nichts anderes übrig, als seinen eigenen Roman immer wieder mit sich selbst kommentierenden Unterbrechungen in den Sand zu setzen. So erzählt er letztlich von einem Reisenden ganz anderer Art: von einem, der aufgebrochen ist, Schriftsteller zu werden. Auf seinem Weg gehört aber das vorliegende Buch bloss zu den vielen anderen «ebenfalls bald wieder abgebrochenen Anläufen».
 
Authentisch ist nur das Schreiben
 
Die einzige sichere Spur führt also zurück zum Spurensucher (auch davon berichtet der Roman in einer Anekdote). Auf ihr verschwindet Erwin Einzinger als Augenzeuge und tritt als Autor eines Textes hervor. Authentisch ist allein sein Schreiben, das er sich nicht anders als nomadisch vorstellen kann: immer «munter weiter», niemals zum Ziel führend und doch nicht unbegrenzt. «Folglich», so bittet der Autor den Leser um Verzeihung, «sind seine Vagabundereien . . . immer ein wenig bruchstückhaft und unvollständig, ein wenig zusammenhanglos und nicht abgerundet. Mehr gibt das Leben nicht her.»

Es scheint jedoch, dass das Gedicht für ein solches Leben doch die adäquatere Form sei. «Das Leben ist kein Roman», schreibt Einzinger in «Ein Messer aus Odessa». Also ist es ein Gedicht! Wenn aber das Leben schon ein Gedicht ist, wozu dann noch Gedichte schreiben? Noch radikaler als im Roman beschränkt Einzinger in der Lyrik seine Rolle als Autor auf das blosse Anordnen des Ungeordneten. Seine Gedichte gleichen mittelalterlichen Gemälden, auf denen die Dinge ohne Raumperspektive bloss auf einer Fläche verteilt sind. Einzingers Lyrik ist nicht «minimal art», aber sie kommt mit wenig lyrischem Aufwand aus. Sie ist auch nicht «trash», aber die monoton geformten Strophen gleichen doch Halden, auf denen sich ansammelt, was abfällt vom Brauchbaren und Mitteilenswerten. Nur ist vielleicht dieser «Schutt, den die Tage anhäufen» (so eine Gedichtüberschreibung), schon wieder neues Baumaterial.
Nicht der Autor entscheidet über Rang und Namen der Dinge und über das, was sie zu erzählen haben (ein Messer «aus Odessa» zum Beispiel); das müssen sie selber tun. Der Autor beherbergt sie nur in seinen Strophen, lagert oder besser: löscht sie, so wie man die Ladung eines Schiffes löscht, um es zu entlasten, um es (um sich!) vom Tiefgang zu befreien. Schwerwiegende Themen, metaphysische Fragen und grosse Gefühle gibt es bei Einzinger nicht. Er verdichtet nicht, er dehnt und dünnt aus. Seine lyrische Kunst ist die Kunst, die Dinge ungereimt und ungedeutet zu lassen. Alles steht für alles –und also nichts für nichts: «Friede den Schachteln & dem Entengemüse!»
 
Gelassenheit und Langmut
 
Wie im Roman mischen sich auch in Erwin Einzingers Gedichten Erregung und Indifferenz, Geschwätzigkeit und Schweigen. Fast liesse sich von Gelassenheit und Langmut sprechen. Ein Glückssuchender ist er dennoch. Auf das Glück kann man zwar nicht setzen, aber irgendeinmal kann man es vielleicht doch «haben» –wie im Spiel: «Plötzlich werden simple Einsichten zum Geschenk, mit dem / Nie zu rechnen war.» Zumeist aber, vielleicht als kleinerer Bruder und Vorbote des Glücks, zeigt sich in Einzingers Gedichten erst einmal die unfreiwillige Komik der Welt: «Wir sehen Felipe, einen im grossen & ganzen arg gescheiterten Comic- / Zeichner, wie er am Gemüsestand zwei knackige Salatköpfe / in eine mit einem kleinen Beitrag über Intimrasur bedruckte Zeitungs- / Seite wickelt. Was kratzt ihn? Wo drückt ihn der Schuh?»

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