Aktuelles

Biographie

Bücher

Romane/Prosa

Gedichte

Übersetzungen

Bilder

Kontakt

Presse

Home

Surfen auf der Einbildungskraft


 
Rezension zu: "Von Dschalalabad nach Bad Schallerbach"
Text: Christian Schacherreiter; Quelle: OÖ Nachrichten, 25.08.2010
 
Die Prosa des oberösterreichischen Schriftstellers Erwin Einzinger entzieht sich allen gängigen Zuordnungen. „Sprachexperimentell“wäre das falsche Etikett, aber mit dem derzeit so erfolgreichen Erzählrealismus hat er auch nicht allzu viel gemein. Einzinger ist - naja, Einzinger eben. Und das ist gut so!
 
Erwin Einzingers jüngster „Roman“ heißt „Von Dschalalabad bis Bad Schallerbach“, und der Reiz des Gleichklangs dieser a-hältigen Ortsnamen mag zur Titelwahl beigetragen haben. Aber wie gesagt, ein experimentierender Nachahmungstäter jener Avantgarde, die uns das Erzählen verweigert, ist Erwin Einzinger nicht. Ganz im Gegenteil. Er erzählt drauflos, dass sich beim Leser die Brillengläser biegen. Er legt seine Geschichten aus wie Mosaiksteine und kümmert sich nicht um deren korrekte Anordnung. Eine stringente Handlung, die man nacherzählen könnte, entsteht auf diese Weise natürlich nicht. Aber darum geht es nicht.
Wer Einzingers Roman mit geistigem Gewinn und irdischem Vergnügen lesen will, muss sich auf den Einzeltext einlassen, auf die Prosaminiatur, auf ihre Präzision, ihre Skurrilität, ihre stilistische Eleganz.
Da hält sich zum Beispiel ein Jurist im Büro einen Leguan, der zwischen Computerkabeln und Aktenordnern schläft und nur aufschreckt, wenn die praktizierende Maturantin die Jalousien wieder einmal ungebremst niedersausen lässt. Erzählt wird auch von rumänischen Straßenkindern, die in der Kanalisation größerer Städte überleben, von einem peruanischen Wunderheiler, von gerösteten Hasenherzen, die in der kirgisischen Steppe zubereitet werden - und von vielen, vielen anderen Dingen. Wir sind ja lange unterwegs: von Dschalalabad bis Bad Schallerbach.
Wenn auch kein roter Faden durch dieses Buch führt, so würde ich doch empfehlen, es von vorne bis hinten zu lesen - und nicht umgekehrt. So nach und nach werden ja in der Fülle des Gebotenen doch thematische Schwerpunkte und motivische Verbindungen erkennbar, zum Beispiel zwischen der oberösterreichischen Tierärztin, deren Tochter auf Rumänienreise ist und von dort eine Ansichtskarte an ihre Tante in Dschalalabad (Afghanistan) schickt. Die Tante, eine ehemalige Eiskunstläuferin, war übrigens im Besitz eines Fotos, auf dem der Bad Schallerbacher Thermal Chor zu bewundern war, nicht akustisch, aber optisch.
 
Verknäult und verwickelt
 
So surft man, getragen von Einzingers Einbildungskraft, vergnüglich um die Welt. Germanisten freuen sich, weil sie an die Romantheorie der Frühromantik denken, an Friedrich Schlegels selbstbewusstes Diktum, dass der Roman grenzenlos sei und ein Universum hervorbringen könne. Aber das treffendste poetologische Fundament für sein Unterfangen liefert der Autor selbst. „Spätestens an dieser Stelle“, teilt er uns auf Seite 158 mit, „sollte sich (…) das bisher Erzählte schon gehörig verknäult oder zumindest so sehr verwickelt haben, dass sich auch mancherlei Abstruses hineinschwindeln ließe.“Einzinger kann beruhigt sein, es hat sich gehörig verknäult und verwickelt.

E r w i n    E i n z i n g e r

Presse