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Mönche mit Pilotenschein


 
Rezension zu: "Von Dschalalabad nach Bad Schallerbach"
Text: Karl-Markus Gauß; Quelle: Süddeutsche Zeitung; 14..3.2010; Seite 14

 
Erwin Einzinger reist von Dschalalabad bis Bad Schallerbach.
 
Worum es in diesem Buch geht? Keine Ahnung. Aber ich vermute: um nicht viel weniger als alles. Erwin Einzinger, der in Österreich den literarischen Pop zu Ehren brachte, als der Pop noch geholfen hat, ist als erzählender Lyriker und einfallsreicher Erzähler bei seiner Sache geblieben: Er nimmt die Wirklichkeit stets so, als wäre sie eben erst erfunden und in noch unfertigem Zustand der staunenden Menschheit übergeben worden; und umgekehrt berichtet er von den skurrilsten Erfindungen, Phantastereien und Gedankenspielen, als handelte es sich dabei um nichts als die Wahrheit. Die Wahrheit, wie sie im Buche steht. Der neue Roman des 1953 geborenen Autors spannt schon im Titel - „Von Dschalalabad nach Bad Schallerbach” - den Bogen von der Grenzstadt im Osten Afghanistans zur Thermenstadt in Oberösterreich westlich von Linz. Zwischen diese beiden Orten passt viel an Welt hinein, und Einzinger legt es in der behelfsweise als Roman bezeichneten Sammlung kurzer Erzählungen, die man früher vielleicht als Anekdoten oder Kalendergeschichten bezeichnet hätte, darauf an, immer noch ein bisschen mehr davon ins Buch zu hieven. Sein kompositorisches Prinzip ist die Anhäufung denkbar skurriler oder geradezu sensationell alltäglicher Geschichten, die zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen Orten spielen, zwischen denen sich jedoch manchmal wie von selbst Verbindungen ergeben. Wenn man sich auf Reise durch Einzingers Universum begibt, ist es von Dschalalabad nach Bad Schallerbach eben nur ein Sprung. Nicht selten geht der Autor von Lesefrüchten aus, die er in den Beilagen regionaler Zeitungen oder in alten Folianten gefunden und eingesammelt hat. Dann hebt er an - und im Prinzip hält er es bei allen der rund 150 kauzigen und lehrreichen Geschichten, aus denen der Roman gebaut ist, ähnlich: „Es gibt, wie in Erfahrung zu bringen war, in ganz Österreich, wo die vorliegende, an manchen Stellen vielleicht etwas bizarr anmutende Arbeit verfasst worden ist, bloß zwei Mönche, die den Pilotenschein erworben haben . . . Einer der beiden lebt im Stift Melk, über den anderen sei an dieser Stelle noch nichts verraten. ”Die Vorstellung von frommen Fliegern, die kirchlich als Mönche und staatlich als Piloten lizensiert sind, ist amüsant, aber Einzinger nutzt sie vorderhand nur, um auf Melk zu sprechen zu kommen, wo die Gebeine des heiligen Kolumban aufbewahrt und verehrt werden. Dieser vortreffliche irische Mönch befand sich vor über tausend Jahren auf dem Weg nach Palästina und war unvorsichtig genug, in der Gegend von Melk zu übernachten; die rechtschaffenen Leute hielten ihn, ob seiner fremden Sprache, für einen Abgesandten des Teufels und knüpften ihn an einem Hollerbaum auf. Als dieser, wiewohl längst verdorrt, im nächsten Jahr zu blühen begann, erkannten sie ihren Irrtum und beschlossen, damit Kolumban sich nicht aus dem Jenseits an ihnen räche, den von ihnen Gemeuchelten als Heiligen zu verehren, dessen Fürsprache vor Gott noch heute viele erflehen; nicht nur in Österreich übrigens, sondern überall, wo die Todesstrafe praktiziert wird, denn Kolumban ist der Schutzheilige der Unglücklichen, die zum Tod verurteilt wurden. Solche Dinge erfährt man aus Einzingers Roman, in dem es eben um alles geht, um irische Heilige, kaukasische Ziegenhirten oder eine Zahnarztgehilfin, die sich den ganzen Roman über nicht entscheiden kann, mit ihrem Freund, der vom Kino träumt, zusammenzuziehen. Und natürlich geht es in diesem Kompendium des herrlich nutzlosen Wissens um Flugmönche - und um Grubenhunde. Denn die tollsten Phantastereien sind die reine Wahrheit, die verbürgten Geschichten aber hemmungslos erlogen. KARL-MARKUS GAUSS

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