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Karawane am Hausruck

 
Rezension zu: "Von Dschalalabad nach Bad Schallerbach"
Text: Wolfgang Straub;  Quelle: Die Presse; 17.7.2010
 
Sprunghaft: Erwin Einzingers assoziatives Erzählen.

 
Die Assoziation ist das Wesen aller Dinge. “Diese Sentenz, die der böhmisch-kanadische Autor Josef Škvorecký dem Erzähler seines Romans „Der Seeleningenieur“in den Mund legt, könnte Leitgedanke des neuen Romans von Erwin Einzinger gewesen sein. Die Technik, ein Thema assoziativ, schwadronierend, ab- und ausschweifend zu öffnen, hat sich Einzinger für sein panoramatisches Buch „Aus der Geschichte der Unterhaltungsmusik“ erschrieben. Fünf Jahre später begegnet uns wieder ein großes Sprachding, von dem ebenso schwer zu sagen ist, was es ist. Man kann sich diese müßige Frage natürlich auch ersparen und sich dem fährtensuchenden, zugleich sprunghaften Erzähler anvertrauen.
 
Anders als bei der „Unterhaltungsmusik“ fehlt diesmal die thematische Klammer, kein Programm leitet diese „narrativen Eskapaden“, diese „etwas bizarr anmutende Arbeit“ (Einzinger). Die Assoziationsketten orientieren sich an einigen Strängen, wobei das Reisen, Unterwegssein, Vagabundieren dominieren und Topografien Verknüpfungen herstellen. Die Einzelteile zwischen Dschalalabad und Rumänien, zwischen Bad Schallerbach und Simbabwe scheinen wie durch Myzelien miteinander verbunden. Man versteht und erkennt nicht jede Verbindung, vermeint aber stets, es mit einem organischen Ganzen zu tun zu haben. Diese Wahrnehmung liegt sicher zu einem Gutteil in Einzingers dichten Bild- und Sprachverknüpfungen begründet, nicht umsonst beweist sich der Autor seit geraumer Zeit als Lyriker von Rang.
Einzinger hat keinen Roman geschrieben (auch wenn das draufsteht), keine stringente Erzählung. Das heißt aber nicht, dass nichts „passiert“. Ganz im Gegenteil: Es geht etwa um Liebe, um Mutterschaft oder um hinterlegte Kinder, die „Gegebenheiten“, wie der Autor seine kleinen narrativen Einheiten nennt, werden aber nicht ausgewalzt, sie gleiten vorüber. So entsteht in den Beobachtungen, in den mit wissenschaftlichem Jargon spielenden Passagen en passant eine Art Kulturanthropologie, hier ist nichts weniger als ein Forschen nach der Conditio humana, mitunter nach der Conditio Austriae am Werk.
 
Umschlagplatz für Erzählungen
 
Und zugleich hat man es mit einer Suche nach Möglichkeiten des Erzählens und seiner heutigen Wertigkeit zu tun – vor dem Hintergrund von Bildern beziehungsweise Imitaten der alten Erzähltraditionen und Erzählräume. Einzinger inszeniert sein Unternehmen als eine Karawanserei, als einen Umschlagplatz für Erzählungen, für Erzählpartikel, die aus ganz Alltäglichem oder Erfunden-Aufgefundenem bestehen können.
Man will und kann den Wegen dieser Schreibkarawane nicht immer gleich gespannt folgen, man mag die Kultivierung so mancher Kauzigkeit wie die Pflege fetter Komposita („Handarbeitsfibelmaterialzusammen- stellerin“) oder die stellenweise geballte Vagheit in Absätzen voller „angeblich“, „in etwa“ und „ziemlich“ unterschiedlich beurteilen, das tut dem Genuss an diesem Buch aber keinen Abbruch. Denn Einzinger verschafft dem Leser größtmögliche Autonomie: Welchen Weg vom Hindukusch an den Hausruck man nimmt, ob man Unterbrechungen einlegt, Ballast abwirft oder Gepäck durch Mehrfachlektüren aufnimmt, bleibt einem selbst überlassen.
 
"Die Presse", Print-Ausgabe, 17.07.2010

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