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Rezension zu: "Von Dschalalabad nach Bad Schallerbach"


 
Text: Barbara Denscher; Quelle: oe1.orf.at; 02.05.2010

 
Mit welcher Art von literarischem Text man es hier zu tun hat, darüber sollte es wohl keine Zweifel geben - so denkt man, wenn man Erwin Einzingers neues Buch zum ersten Mal zur Hand nimmt, denn auf dem Umschlag steht als Gattungsbezeichnung klar und deutlich: Roman.
Schon beim Durchblättern wird klar, dass mit jenen Erwartungen, die üblicherweise an einen Roman gestellt werden, diesem Text nicht beizukommen ist - erweist sich doch der rund 470 Seiten starke Band als eine Sammlung von Kurztexten. Viele von ihnen haben den Charakter knapper Erzählungen, manche wirken anekdotisch, andere wieder wie Exzerpte aus wissenschaftlichen Werken; und mottoartig, als Zwischenüberschriften, finden sich Literatur-Zitate, unter anderem von Kafka, Strindberg, Peter Esterházy und Andrej Bitow. Also keine durchgehenden Erzählstränge, keine dominierenden Protagonisten. Sehr wohl aber jener vom Romangenre geforderte Zugriff auf das Leben in seiner ganzen Totalität, denn berichtet wird von einer Vielzahl von Personen und Begebenheiten.
 
Reisen kreuz und quer
 
Das zentrale Thema ist das Unterwegssein, das Reisen. Da trifft man auf einen Wissenschaftler aus Japan, der in Oberösterreich und Nordböhmen den Spuren des Mystikers Emanuel Swedenborg, des Schriftstellers August Strindberg und des Sprachphilosophen Fritz Mauthner folgt. Ein junger Mann aus Aserbaidschan macht sich mit dem Fahrrad auf den Weg nach Europa, um, wie es heißt, "Kathedralen und Museen zu beschauen und reiche Länder und Leute kennenzulernen". Ein deutsches Fernsehteam ist in Simbabwe auf der Suche nach dem "sagenhaften Goldland von König Salomo", während zwei junge Frauen aus Oberösterreich die Dörfer der rumänischen Karpaten erkunden. Andere Reisende wiederum sind in der Schweiz unterwegs ... oder in Usbekistan, in Italien oder in der Ukraine. Der Buchtitel "Von Dschalalabad nach Bad Schallerbach" ist damit nicht nur - wie es auf den ersten Blick scheinen mag - ein recht simpler Kalauer: die Stadt in Afghanistan und die Marktgemeinde in Oberösterreich sind geografischen Markierungspunkte, zwischen denen sich Schicksale vollziehen, die trotz aller Verschiedenheit doch auch Gleichklänge und manchmal überraschende Verbindungslinien aufweisen.
 
Beleuchten, was im Dunkel ist
 
Die Menschen, die hier unterwegs sind, scheinen auf ihren Fahrten eine Vielzahl von Informationen, Daten und Fakten zusammengetragen zu haben, die nun jenes kuriose Sammelsurium ausmachen, das dem Werk das spezielle Gepräge gibt. Zu erfahren ist da etwa, dass es in Österreich zwei Mönche mit Pilotenschein gibt; dass sich die Bezeichnung "Glückspilz" vermutlich von der halluzinogenen und euphorisierenden Wirkung des Fliegenpilzes ableitet; dass Hexen bevorzugt auf Ginsterbesen reiten; und dass der weltgrößte Handyerzeuger in Rumänien von extrem schlecht bezahlten Arbeitskräften Billigstgeräte für Afrika erzeugen lässt. Erlauben zu fragen: Wenn die Herren Erzähler üblicherweise gern diejenigen sind, welche nach eigenem Gutdünken die Aufmerksamkeit der stillen Leserin recht kühn von hier nach dort lenken und dabei nicht selten verfahren wie jemand, der in einem finsteren Gebäude mit der Taschenlampe umherstreift, wer ist dann wohl zuständig für all das, was weitgehend im Dunkel bleibt, aber deswegen natürlich nicht weniger vorhanden ist? Mit dieser Zwischenfrage meldet sich neben den vielen Erzählern, die es in Erwin Einzingers Text gibt, noch ein weiterer zur Wort, und er liefert mit seiner Anmerkung einen Hinweis darauf, wie mit dem Text umzugehen sei: nämlich all das, was im Dunkel bleibt, selbst auszuleuchten - und sich so einen ganz eigenen Roman zu bauen. Und es ist durchaus schlüssig, dass eine jener historischen Bezugspersonen, die Einzinger in seinem Buch nennt, Hans Jürgen von der Wense ist. Der 1966 verstorbene deutsche Schriftsteller legte riesige Materialsammlungen an - mit den, wie er es einmal formulierte, "erlesensten, erpichtesten Stücken aus allen Zeiten und Zonen", die als Ausgangsmaterial für die unterschiedlichsten Romanprojekte dienten.
 
Entfalungsmöglichkeiten für Phantasie
 
Einzinger verfährt ähnlich: Er stellt Roman-Material bereit. Und genau das macht die Faszination seines Buches aus: dass es eine Vielzahl von Anregungen für eigenes Weiterrecherchieren und eigenes Weiterfantasieren liefert. Darauf verweist auch jenes Zitat von Heinrich von Kleist, das Einzinger seinem Buch vorangestellt hat: Die Romane haben unsern Sinn verdorben. Denn durch sie hat das Heilige aufgehört, heilig zu sein, und das reinste, menschlichste, einfältigste Glück ist zu einer bloßen Träumerei herabgewürdigt worden. So schrieb Kleist 1801 an seine Verlobte Wilhemine von Zenge. Es ging ihm damals nicht um romantheoretische Überlegungen, sondern um Privates, um den eventuellen Kauf eines Bauernhauses, um ein Leben in der Natur. All dies aber war, so Kleists Formulierung "trocken hingeschrieben" - eben nicht so wie in den gängigen Romanen - weil, so Kleist, er "die Fantasie nicht bestechen wolle". Auch Erwin Einzinger will mit seinem Werk die Fantasie der Leser nicht bestechen,

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