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Van Morrison und die Erbswurst


 
Rezension zu: "Aus der Geschichte der Unterhaltungsmusik"
Text: Evelyne Polt-Heinzl (Spectrum), Quelle: Die Presse,  22.01.2005

 
Eine Wissensfundgrube der Popgeschichte, mit Exkursen zu Operette und höfischer Musik, zu Chopin und Udo Jürgens: Erwin Einzingers Roman "Aus der Geschichte der Unterhaltungsmusik".
Erwin Einzinger ist "einer der unbekanntesten bekannten Schriftsteller seiner Generation", schrieb Karl- Markus Gauß 1992 - der neue Roman könnte nun endlich die längst fällige Trendwende bringen. Zehn Jahre liegt Einzingers letztes Buch, "Das wilde Brot", zurück, eine Pause, die sich heute kaum ein Autor zu gönnen bereit ist. Dass er 2002 trotzdem den großen Preis des Landes Oberösterreich erhielt, spricht für die Qualität der zuständigen Jury.
 
Was nun mit dem Titel "Aus der Geschichte der Unterhaltungsmusik" vorliegt, ist in jeder Hinsicht monumental und ein Beweis, wie unbeirrt sich dieser Autor selbst die Treue hält und dabei sein literarisches Instrumentarium weiterentwickelt. Der Roman arrangiert in einer komplexen Komposition alltägliche Momentaufnahmen, historische Fakten und Anekdoten zu einer Geschichte unserer Zivilisation. Die Chaostheorie mag wissenschaftsgeschichtlich ein bloßer Gag gewesen sein, für Einzingers Kunst, weltweit verstreute Leben und Lebenswelten an episodischen Zipfeln zu fassen und miteinander zu verknüpfen, ist das Bild vom Flügelschlag eines Schmetterlings, der am anderen Ende der Welt heftigste Reaktionen auslöst, durchaus passend.
 
Eigentlich sind es zwei Motivstränge, mit denen der Autor die Stoffmassen über 500 Seiten souverän strukturiert, und beide sind Teil der ideologischen Globalisierungs- und Beschleunigungskultur. Was auf der ersten Seite des Buches ganz bescheiden mit einer Zichorienkaffee-Annonce des Nahrungsmittelproduzenten Knorr im "Heilbronner Intelligenzblatt" von 1838 beginnt, mündet über den Erfolg der Erbswurst in einen Siegeszug der Fertigsuppen. Der ist nicht weniger global wie die von der Musikindustrie vorangetriebene Rezeption der Popmusik - und beide Erfolgsgeschichten prägten hinfort die Mentalitätsgeschichte. Das Verbindungsschanier im Fall der Erbswurst funktioniert so: Ein Belfaster Fahrradhändler, dem ein Matrose einmal eine Erbswurst mitgebracht hat, rüstet aus Begeisterung für den Mississippi-Blues sein Geschäft nach und nach auf Schallplatten um; zu seinen Stammkunden zählt ein gewisser George Morrison, dessen Sohn Ivan dann in die USA auswandern und als Van Morrison Popgeschichte schreiben wird. Zufällig ist dabei keines der mitgelieferten Details, nicht einmal das "Heilbronner Intelligenzblatt" - die Debatte Zentrum/Peripherie bildet eine manifeste Ebene des gesamten Romans.
 
Das ist Einzingers Meisterschaft: An der Oberfläche des Textes legt er fast achtlos unscheinbare Fäden aus, mit denen er die selten mehr als ein paar Seiten langen Abschnitte scheinbar willkürlich aneinander knüpft. Da genügen eine semantische Verwandtschaft, ein stafettenartig weitergereichtes Wort oder Bild; ein erbswurstgrünes Schlauchkleid oder ein Suppenkoch kommen dem Autor genauso zupass wie Beispiele "verschlampter" Momente - im konkreten Leben, im globalen Alltag wie in der Musikgeschichte; oder der Vormarsch der Eisenbahn, bei der Jimmie Rodgers, Country-Blues-Musiker aus Mississippi und Elvis Presleys Vorbild, jahrelang als Bremser sein Leben verdiente und Generationen von Songschreibern ein Themenreservoir lieferte. Denn es geht Einzinger auch um Popkultur als Phänomen, dem keiner entkommt, einer Art weltweitem Generalbass unseres Alltags, in dem die entlegenste afrikanische Bar so wenig wie die urbane Shoppingmall ohne ihren Hintergrundsound auskommen und die Eisbärin im Zoo wie selbstverständlich "Lady Madonna" heißt.
 
Die eigentliche Vermittlungsinstanz zwischen den disparaten Erzählschnipseln ist Einzingers Interesse am Leben der Menschen mit seinen Alltäglichkeiten, Abgründen und unermüdlichen Versuchen, Sinn und Energie in das Leben zu zwingen - mit Stammtischgesprächen, absurden Passionen, Afro-Dance- Workshops oder Plattenaufnahmen. "Gar mannigfaltige Wege gehen Menschen. Wer sie mit Geduld verfolgt und vergleicht, mag manch wunderliche Hinweise und Botschaften entdecken. Oder Figuren und Linien, die insgeheim auf jene Chiffrenschaft verweisen, deren Spuren sich nahezu überall finden lassen", heißt es an einer Stelle, und an einer anderen: "Was bleibt: die unaufhaltsam voranschreitende Wirklichkeitsverkrustung - in verschachtelten Lebensträumen, in denen immens verkorkste Szenen sich aneinander reihen."
 
Genau diese Verkrustungen bringt Einzinger mit seinen "waghalsigen Darlegungen" auf den Punkt, der oft auch schmerzt und irritiert. Das Phänomen "Unterhaltungsmusik" ist der Fokus, den Einzinger hier seinen Bildern von den Zuständen in der Welt zu Grunde legt und mit dessen Hilfe er sein Mammutprojekt organisiert - so wie das in früheren Büchern das Alphabet sein konnte ("Das Erschrecken über die Stille, in der die Wirklichkeit weitermachte", 1983) oder das nicht weniger weltumspannende Phänomen der Liebe ("Blaue Bilder über die Liebe", 1992).
 
"Aus der Geschichte der Unterhaltungsmusik" unternimmt mit globalem Ansatz eine Analyse der Lebens- und Überlebensstrategien der Menschen, denn "Tonträger, Buch und Kino dienen letztlich allesamt dem uralten Bedürfnis, zumindest momentelang ein paar Flocken vom Schaum des Lebens festzuhalten." Natürlich wird auch der an realen Informationen Interessierte reichlich bedient. Zum Teil bescheiden mit Sternchen versehen als Fußnote verpackt, enthält das Buch eine Wissensfundgrube zur Popgeschichte, mit Exkursen in die Welt der Operette, der höfischen Musik der Renaissance, zu Frederic Chopin oder Udo Jürgens. Wer an diesem Aspekt interessiert ist, kann mit Hilfe eines Registers nachlesen, dass dem Deep Purple Song "Smoke on the Water" ein wirklicher Brand am Genfer See zu Grunde liegt, der während eines Frank-Zappa-Konzerts ausgebrochen war, weshalb Ringo Starrs Karriere in Hamburg begann, was Andy Warhol mit Franz Kafka zu schaffen hat, wann George Harrison Ravi Shankar in Indien besuchte und so weiter.
 
Doch den wirklichen roten Faden liefert Einzingers unbestechlicher Blick auf Lebensmodelle und Schicksale, die er mit Fakten und Ereignissen der Geschichte wie der Alltagskultur verschränkt. Scheinbar absichtslos stellt er die verwegensten Verbindungen her, die Kontinuitäten sichtbar und Historie lebendig machen. Und alle erzählten Episoden ankern fest und unverrückbar in der allgemeinen Misere des menschlichen Lebens. Das gilt auch für die Mythen der Popkultur, die er mit gezielten Hintergrundinformationen unterfüttert: über die Herkunft der Popikonen, über die große Bandbreite menschlichen Scheiterns - der großen Stars wie ihrer namenlosen Fans - und über (verdrängte) Details aus der Geschichte Amerikas und der Welt.
 
Mit seinem souveränen Umgang auf der Inhalts- und Zeitachse zeigt Einzinger, wie in einem mentalitätsgeschichtlichen Porträt unserer Zeit alles mit allem zusammenhängt. Gegen Schluss des Buches wundert man sich immer weniger, was noch alles kommt, man beginnt fast schon zu überlegen, was noch alles kommen muss. Der neue Roman ist ohne Zweifel ein Opus magnum. Es ist zu hoffen, dass Einzinger seine subkutane Recherchearbeit weiterführt. Auch wenn bei der Gründlichkeit dieses Autors mit einer längeren Wartezeit zu rechnen ist - sie wird sich zweifellos lohnen.
 
Erwin Einzinger: Aus der Geschichte der Unterhaltungsmusik. Roman. 534 S., geb., € 24,90 (Residenz Verlag, Salzburg)

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