Aktuelles

Biographie

Bücher

Romane/Prosa

Gedichte

Übersetzungen

Bilder

Kontakt

Presse

Home

Pop-Packerl-Suppe


 
Rezension zu "Aus der Geschichte der Unterhaltungsmusik"
Text: Bernhard Flieher, Quelle: Salzburger Nachrichten, 29.01.2005

 
Eine wahnwitzige Raserei in Assoziationsketten durch Erinnerungen und Anekdoten, die die (Pop-)Welt offenbaren: Der Oberösterreicher Erwin Einzinger schreibt "Aus der Geschichte der Unterhaltungsliteratur" und sich in einen Rausch. BERNHARD FLIEHER
 
Am Anfang ist die echte Fertigsuppe von Knorr. Und am Ende sind die von Andy Warhol gemalten Fertigsuppen-Dosen. Da muss gleich eingeschränkt werden, dass Erwin Einzingers neues Werk - ein Roman, wie auf dem Cover steht - Anfang und Ende nur kennt, weil Bücher zwischen zwei Deckel gesteckt werden müssen. Wer "Aus der Geschichte der Unterhaltungsmusik" erzählt, dem können Anfang und Ende nichts gelten. Es geht ja um nicht weniger als die ganze Welt und ihren allgegenwärtigen Klang - und zwar vermessen mit Anekdoten, harten Fakten und persönlichen Erinnerungen an, über, aus, um die Popmusik, die der Einfachheit halber "Unterhaltungsmusik" genannt wird. Damit sind die Grenzen nicht so eng zu ziehen.
Einzinger wählte einen sperrigen Titel, der irritiert. Lexikon? Historischer Abriss? Nichts davon, sondern eine Kette von virtuos verschachtelten Abschweifungen, Ausritten, Assoziationen, die so logisch wie irrsinnig daherkommen, deren Tempo und Vielfalt einem den Atem raubt. Von Traunstein in die Rock 'n' Roll Hall of Fame in Cleveland über Josef Lanner und Westcoast-Jazz zu Marilyn Manson in drei Seiten - das soll einer nachmachen!
Zehn Jahre liegt Einzingers letztes Werk "Das wilde Brot" zurück. Das wundert nicht, wenn man beginnt, sich durch das Info-Dickicht und Anekdoten-Buschwerk dieses Buches zu schlagen. So etwas anzuhäufen verschlingt Zeit. Wie in früheren Werken hält sich der 1953 in Kirchdorf/Krems geborene Autor nicht an eine lineare Erzählstruktur. Die Fülle der Beobachtungen und ihre mühelose Verknüpfung auf höchstem literarischen Niveau erinnert an William Gaddis' Meisterwerk "Das mechanische Klavier" (und der Einsatz von Fußnoten als Stilmittel an David Wallace Foster). Einzinger allerdings geht nicht wie Gaddis mit der (Kunst-)Welt ins Gericht. Er sucht keine (kritische) Ordnung im Chaos einer Zeit, in der Vergessen und Auslöschen von Information wichtiger wird als das Erinnern. Einzinger sorgt dafür, dass einem das Vergessen schwer wird.
Er hält dabei die eigene Person aus dem Spiel - ein angenehmer Umstand in Zeiten inflationär erscheinender, (auto-)biografischer Werke, die sich an der Popgeschichte entlangschlängeln. Auch wenn wir ahnen, dass wir uns täuschen (so akribisch und intensiv schreibt nur einer, der liebendes Interesse hat am Stoff), wirkt das Ganze als ginge es ihn nichts an. Er erzählt, als hätten sich die Geschichten und die Querverbindung - etwa zwischen Thomas Bernhards Lkw-Führerschein und dem Aushilfstruckfahrer Elvis Presley - ihm aufgedrängt. Daraus entwickelt sich ein Tonfall, der uns schnell zum Teil der Geschichte und auch zum Teil der erzählten Geschichten macht.
Bevor er sich und uns ins mächtige Abenteuer stürzt, setzt Einziger ein Zitat von Hank Williams: "A Song ain't nothing' in the world but a story just wrote music to it." Vom großen Hank, der so etwas wie das Mark in der Suppe der populären Musik (die immer mehr zur Brühe wird) war, stammt auch der Letztes- Stündchen-Song "When The Book Of Life Is Read". Sollte man nach der Einzinger-Lektüre tot umfallen, können alle in den Song einstimmen, denen Lou Reed und die Bauhaus-Architekten, Chopin und Robert Wyatt, Karl May und The Smiths nur verschiedene Seiten ihrer Lebensmedaille sind. Sie verabschieden sich - in der Gewissheit, herrlich unnötige Informationen verschlungen zu haben - in den Himmel über der faden Welt der Ahnungslosen, die immer noch meinen, Pop sei nichts weiter als Träller und Lalala.
 
 
Erwin Einzinger: Aus der Geschichte der Unterhaltungsmusik, 536 Seiten (Residenz Verlag, Salzburg 2005).
 
© SN..

E r w i n    E i n z i n g e r

Presse