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Von der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen


 
Rezension zu: "Aus der Geschichte der Unterhaltungsmusik
Text: Thomas Rothschild, Quelle: Stuttgarter Zeitung 18.2.2005

 
Unsinn wird durch ständige Wiederholung nicht weniger unsinnig. Es trifft einfach nicht zu, dass dicke Romane in unserer Zeit nicht mehr "möglich" seien. Wer, unbeirrt von der Tatsache, dass sie nach wie vor geschrieben werden, ihre Möglichkeit leugnet und eigentlich nur meint, dass er sie nicht lesen möchte, missachtet das Vergnügen des Schmökerns, die Lust am Sichverlieren in erfundenen Welten, aus denen herauszufinden der Süchtige keine Eile hat. Zur Ablehnung des umfangreichen Romans diesseits von Thomas Mann gesellt sich eine zweite Borniertheit: die Fixierung auf den Roman mit stringenter Handlung, mit nacherzählbarer Fabel. Der aber bildet nur einen Strang in der Geschichte des Romans.
 
Rückkehr des Verschnörkelten
 
Dieser hat sich freilich gegen den mäandernden Roman, den Roman, der wesentlich aus räsonierenden Abschweifungen und essayistischen Einschüben besteht, beim Massenpublikum und bei der im nach dem Mund redenden Kritik durchgesetzt wie der abendfüllende Spielfilm gegen den - älteren - Dokumentar- oder Kurzfilm, wie die tonale gegen die atonale Musik. Milan Kundera hat mehrfach bedauert, dass die literarische Tradition eines Sterne und eines Diderot im gegenwärtigen Kanon kaum Spuren hinterlassen hat. Es hat ihm nichts genützt: Auch seine Romane werden gelesen, als ginge es um reale Lebensläufe.    In der Tradition des verschnörkelten Romans, der Ersetzung von Homogenität durch freie Assoziation, der unentwirrbaren Verflechtung von Fiktion, Faktischem und Meinungsäußerung steht Erwin Einzingers neuer Roman "Aus der Geschichte der Unterhaltungsmusik". Er ist, dies vorweg, ein ganz großer Wurf und vielleicht, um eine weitere Verwandtschaft zu nennen, das aktuelle Gegenstück zu einem der wichtigsten und originellsten Bücher der österreichischen Nachkriegsliteratur, Oswald Wieners "verbesserung von mitteleuropa". Der Reiz von Einzingers Roman besteht in der Vereinigung von Unvereinbarem, im unmittelbaren Nebeneinander von Elementen ganz unterschiedlicher Herkunft, in einem Prinzip also, das die Surrealisten für die Malerei und die Dichtung fruchtbar gemacht haben. Die scheinbar unvereinbaren Partikel werden aber bei Einzinger nicht einfach montiert, sondern in einen Erzählfluss eingebettet, der zwischen ihnen einen Zusammenhang suggeriert, wobei der Autor gerne mit einer konventionellen Floskel Jahre, ja Jahrzehnte überspringt, was wiederum absurde Bezüge ermöglicht. Die einzelnen Abschnitte sind meist durch das getrennt, was Journalisten, denen kein Übergang einfällt, zunehmend in Anlehnung an den Film einen "harten Schnitt" nennen. Manchmal genügt ein Wort, um zwei thematisch völlig disparate Geschichten scheinbar zu verknüpfen. Fußnoten stellen zudem eine trügerische Verbindung zur außerliterarischen Wirklichkeit her. In Wahrheit verspotten die Fußnoten eine (neo-)positivistische Faktenhuberei, wie man sie gerade an Österreichs Universitäten häufig antrifft, wenn etwa zu einem "schwergewichtigen" Gitarristen angemerkt wird, dass 77 % der Bewohner auf der polynesischen Insel Nauru stark übergewichtig seien, oder wenn anlässlich der Erwähnung von Chinesen, die sich mit russischer Grammatik befassen, Chomskys Syntaxtheorie zu einem Satz verkürzt wird. Die mit ernsthafter Gebärde erzeugte Komik wird verstärkt durch Kalauer, die freilich nicht immer für jeden verständlich sind. Wer denkt heute noch bei "'Büffel' Percevic" an den einstigen wenig ruhmreichen österreichischen Unterrichtsminister Piffl-Percevic? Das Wort Büffel wird bei Erwin Einzinger zu einem der zahlreichen Leitmotive.
 
Halsbrecherische Konstruktion
 
Die Geschichten haben oft anekdotischen Charakter, zuweilen imitieren sie tatsächlich den Gestus der Historiografie, und immer wieder kommen sie vom hundertsten ins tausendste. Eine Zweiseitenepisode als Exempel: Sie gelangt von einer "hellhäutigen Amerikanischen Austauschstudentin", die in einem Salzburger Bus ihren Truthahn vergessen hat, über die Sprachprobleme und einen Fußnotenexkurs zum Stadtteil Parsch zur ersten Strumpfmanufaktur der Welt und schließlich zur Naturheilkunde. Halsbrecherisch? Einzinger schaffts. Oder auch dies: vom sowjetischen Flugzeugskonstrukteur Tupolew führt ein direkter Weg zu einem Suppenkongress in Portugal, zum Fado und - über das Stichwort "Melancholie" - zu einer mit Abfall und Kot verunreinigten Schottergrube, schließlich über China und das Reisen zu Sylvester II, japanischen Kameras und leichten Mänteln. Einzingers Roman hat zwar literarische Vorläufer, er steht aber zugleich auf der Höhe der Zeit und entspricht in seiner Struktur dem Zappen am Fernseher und der globalen Vernetzung durch das Internet. Die sinnstiftende Interpretation von nicht als zusammenhängend Intendiertem gehört mittlerweile zu unseren täglichen Praktiken. "Soviel Leben, soviel Ineinandergreifendes auf engstem Raum!" heißt es an unauffälliger Stelle. Den Zusammenhalt, den es trotz allem bei Einzinger gibt, liefert tatsächlich die im Titel erwähnte Unterhaltungsmusik. Musiktitel, Musiker ganz unterschiedlicher Provenienz (und keineswegs nur solche, die im Sinne der Radiomacher der U-Musik zuzurechnen sind) werden mal beiläufig, mal ausführlicher herbeizitiert und mit ihnen Chiffren einer Kultur, die, wenn es diesen Begriff denn geben muss, für Europa und für eine amerikanisierte Welt den Namen einer Leitkultur beanspruchen dürfte. Da wird zum Beispiel die Geschichte des Bluessängers Leadbelly erzählt, der "zwei Jahre nach Franz Kafka und vier Jahre vor Adolf Hitler als Sohn ehemaliger Sklaven aus Louisiana geboren" wurde. Was hat Leadbelly mit Kafka und Hitler zu tun? Absolut nichts. Und doch lässt solche Nachbarschaft Assoziationen zu, die philosophischer, historischer oder poetischer Natur sein können.In erster Linie aber ist Erwin EInzingers Roman ausgesprochen unterhaltsam. Und das heißt nicht: anspruchslos. Das wissen wir aus der Geschichte der Unterhaltungsmusik. Übrigens: dass Van Morrisson in diesem Roman der nach Elvis Presley am häufigsten genannte Musiker ist, zeugt vom guten Geschmack seines Autors.

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