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Poetischer Goldstaub


 
Eine Rezension zu "Ein kirgisischer Western"
Text: Ingeborg Waldinger, Quelle: Neue Zürcher Zeitung, 28.11.2015
 
Der Österreicher Erwin Einzinger hat einen «kirgisischen Western» geschrieben

 
Die Eroberung des «Wilden Westen» bildet den Gründungsmythos der USA. Aus dieser grossen.Erzählung schöpft auch der klassische Western, ein Genre, mit dessen Signalwirkung nun Erwin Einzinger kokettiert: «Ein kirgisischer Western» heisst sein neuestes, als Roman ausgewiesenes Buch. Eine Art zentralasiatischer Eastern, könnte man vermuten. Erst spät erfährt der Leser, woher der Titel- Wind weht; wirklich erhellend ist das aber nicht. Auf fast 500 Seiten verwirbelt der Autor Erzählfragmente, deren gemeinsamer Nenner kaum auszumachen ist. Und doch gibt es etwas, das Einzingers Welt im Innersten zusammenhält. Es ist der verführerische, bodenlose wie auch erhabene Glanz des Goldes. Das edle Metall irrlichtert in seiner sprichwörtlichen Bedeutung durchs Werk (goldene Regel), als Metapher des Machtrausches (Rheingold) und der Barbarei (Zahngold von KZ- Häftlingen), als Sinnbild der Glückssuche (Goldwaschkurs) — und der Poesie: Der wahre Dichter vermag noch aus dem profansten Grau des Alltags Goldstaub herauszufiltern. Das Personal dieses Romans bleibt meist namenlos. Da tummeln sich Literatur- und Musikschaffende, ein philosophierender Müllmann, trampende Bergbaustudenten, urlaubendes Bordpersonal der Hurtigruten-Linie, Eisenbahnnostalgiker und viele andere mehr. Als Hauptfigur kristallisiert sich für Hellhörige ein «waidwund wirkender Weitwandersmann» heraus, der erst «zurückgezogen in einer ostdeutschen Stadt gelebt, dann sein Geld als Mitorganisator von Goldwaschkursen in der Schweiz verdient hatte», um schliesslich zu einem abenteuerlichen Fussmarsch Richtung China aufzubrechen. Dieser Mann — und da liesse sich womöglich eine Brücke zum Western bauen — treibt die Grenzen seiner Raum- und Selbsterfahrung voran, wie auch die Eroberer des Indianerlands ihre geografische und psychische «frontier» vorangetrieben haben. Einzingers Held plant, seine Berichte und Impressionen zu einem «privaten Notizbuch eines Herumtreibers und Weltenwanderers zu stilisieren». Aber folgt der Leser nicht schon die längste Zeit diesem Buch im Buch? Und wer ist nun sein Verfasser? Waren diese Aufzeichnungen nicht von einer psychisch labilen Verehrerin des Wanderers entwendet und unter deren Namen publiziert worden, während der Verfasser schliesslich als verschollen galt?! Glaubwürdigkeit und Stringenz sind keine Kategorien in Einzingers Buch. Vielmehr verquickt der Autor in seiner magischen Collage Alltagsmanifestationen mit Erscheinungen, «die die heimliche Gegenwart des Märchenhaften zumindest denkbar erscheinen lassen». Es sind Splitter des Lebens, Miniaturen, aufgelesen in Patagonien und Polen, im Kärntner Gurktal und in Görlitz, auf den Lofoten, in Iran oder in der Schweiz. Mit Sprachspiel und Ironie sensibilisiert Einzinger für die bizarren Koinzidenzen des Daseins: «Ein leichtes Knoblauchgerücherl zieht durch den Raum. Und zarte Musik für Sopran und Streichquartett von Ottorino Respighi.» Der Autor variiert den Reiz dieses Kontrastes lustvoll, so etwa auch in dem folgenden Shortcut: Drinnen fallen lautlos die Hüllen einer exotischen Schönheit, während draussen «Finken zanken. Ein laues Lüftchen zieht über die Spinatrampe. Das sind die Fakten.» Ach, diese gleichgültige Natur! Die Überschriften der rund fünfzig Kapitel verweisen auf den offenen, vagabundierenden Charakter des «kirgisischen Western». Sie lauten «Streifzüge», «Optionen» oder «Spekulationen». Die Erzählfragmente verlaufen in Assoziationen. Sie sind durchwirkt mit poetologischen Reflexionen und Selbstreferenzen. Sie führen in einen narrativen Strudel — und an den «Abgrund». Über einen solchen schickt der Autor wohl auch jene Berggondel, in der ein Mann zu einer Frau sagt: «Im Grunde ist alles Sehnsucht und Illusion.» Die Entfremdung des modernen Ich bleibt, aber Erwin Einzinger schreibt mit seiner postromantischen Universalpoesie dagegen an.

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